Denkmäler / Spomeniki

In Kärnten/Koroška befindet sich in fast jeder Gemeinde ein Kriegerdenkmal, das zumeist die Erinnerung an die gefallenen Soldaten des Ersten und des Zweiten Weltkriegs sowie an den Kärntner Abwehrkampf miteinander verbindet. Diese Kriegerdenkmäler befinden sich immer an prominenter Stelle. Sie sind auf dem Marktplatz, beim Gemeindeamt oder in unmittelbarer Umgebung einer Kirche, in der Kirche selbst und sehr oft auch am bzw. bei einem Friedhof aufgestellt worden. Da sie vielfach die einzigen Erinnerungszeichen vieler Gemeinden sind, prägen sie das (Orts-) Bild und gliedern durch ihren prominenten Aufstellungsort zugleich den (Erinnerungs-) Raum. An ihnen führt kein Weg vorbei, schreibt Kühnel (2022: 195). Der Erste und der Zweite Weltkrieg wurden im deutschnational geprägten Kärntner Gedächtnisdiskurs zu Daten, die vom Kärntner „Abwehrkampf“ Legitimation und Sinn bekamen und die durch den ideologischen Kitt von Heldentum und Heimattreue zusammengehalten werden. Peter Gstettner beschrieb diese bemerkenswerte Diskursverschränkung, indem er den Begriff der Kärntner „Erinnerungstroika“ prägte (Gstettner 2012, 105). Diese Situation im südlichen zweisprachigen Bundesland Kärnten/Koroška ist natürlich mit dem diesbezüglichen Diskurs in Gesamtösterreich verschränkt, wo lange Zeit zwei Narrative überwogen – und sich gegenseitig verstärkten: Ein Narrativ betonte den Opferstatus Österreichs, das vom Dritten Reich okkupiert und zwangsweise angeschlossen wurde; das zweite gedachte der „pflichterfüllenden“ Soldaten, die im „Kampf um ihr Vaterland“ ihr Leben ließen (Kühnel 2022: 199). Obwohl die „Opferthese“ und das darauf aufbauende Postulat der Pflichterfüllung schon seit den 1980er Jahren anhand der eigenen Widersprüchlichkeiten schrittweise ihre Legitimation einbüßten und durch die geschichtswissenschaftliche Forschung widerlegt wurden, dominiert aber in Kärnten/Koroška weiterhin eine Erinnerungskultur, die Österreich als Opfer der NS-Okkupation darstellt und unkritisch mit fragwürdigen Inhalten auf den omnipräsenten Kriegerdenkmälern und sonstigen Erinnerungszeichen an den Zweiten Weltkrieg umgeht (Kühnel 2022: 200). Kriegerdenkmäler sind eigentlich ein reines „Symbol für die Rehabilitierung der ehemaligen Wehrmachtssoldaten“ (Kühnel 2022: 201, bezugnehmend auf Uhl, Vom Opfermythos zur Mitverantwortungsthese, p. 60.) Dabei könnte es auch anders sein: “Würden sich die Gefallenendenkmäler kritisch mit der Rolle der Wehrmacht und ihrer Soldaten auseinandersetzen, könnten sie sogar eine Bereicherung im geschichtspolitischen Diskurs darstellen, doch perpetuieren sie in dieser Form lediglich ein Vergangenheitsnarrativ, das verharmlosend gegenüber den Opfern und exkulpierend gegenüber den Tätern wirkt (Kühnel 2022: 201).

Lässt sich nach Heidemarie Uhl eine “Hierarchie der Erinnerungen” in österreichischen “Gedächtnislandschaften” an bspw. dem Fakt erkennen, dass Denkmäler für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges zumeist im Zentralraum von Städten und Dörfern präsent sind, das Gedenken an die Opfer von Widerstand und Verfolgung vielfach aber nur an den Peripherien des öffentlichen Raums, an abgelegenen Tatorten der Verbrechen oder auf Friedhöfen zu finden ist[1], trifft dies insbesondere auch auf das zweisprachige Kärnten/Koroška mit der Minderheit der Kärntner Slowen*innen zu. Wobei hier die Präsenz dieser – in vielfacherweise widerständigen Minderheit – nochmals eine eigene Dynamik mit sich brachte: So initiierte der Verband der Kärntner Partisanen/Zveza koroških partizanov in den 1970er Jahren annähernd 40 Denkmäler in Erinnerung an Opfer des Partisan*innenkampfes – größtenteils auf Südkärntner Friedhöfen. Diese wurden in den letzten Jahrzehnten detailliert in mehreren Publikationen beschrieben[2]. Nach dieser „Erinnerungsoffensive“ des Verbands der Kärntner Partisanen/Zveza koroških partizanov dauerte es bis auf wenige Ausnahmen bis in die 2010er Jahre, bis verschiedene Organisationen der Volksgruppe erneut Erinnerungszeichen für „ihre“ Opfergruppe aufstellten – eine Zeit, in der auch anderen Opfergruppen in Kärnten/Koroška (spät aber doch) zunehmend öffentlicher Gedenkraum zugestanden wurde. Die Hierarchie der Erinnerungen hinsichtlich der Präsenz von Gefallenendenkmälern und Abwehrkämpferdenkmälern im Vergleich zu Erinnerungszeichen für NS-Opfer bleibt in Kärnten/Koroška dennoch deutlich. Auch die konkreten Lebensgeschichten der NS-Opfer blieben jahrzehntelang in den Hintergrund gedrängt, ihre Erinnerungen und Erzählungen wurden nur im privaten Bereich gehört, in der Öffentlichkeit fanden sie kein Gehör. Die Geschichten der Opfer waren nicht kompatibel mit dem Narrativ der Mehrheitsgesellschaft, Österreich sei Opfer eines nationalsozialistischen Überfalls gewesen und hätte kollektiv Widerstand geleistet. So bleiben die Biografien der Opfer des Nationalsozialismus jahrzehntelang außerhalb der Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft in Kärnten/Koroška, erst in den letzten 25 Jahren wurden ihnen Publikationen gewidmet. Diese thematisieren die NS-Geschichte unterschiedlicher Regionen und Opfergruppen[3] und verschufen den leidvollen Erfahrungen der NS-Opfer damit langsam öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Es ist an der Zeit, dass wir uns in Kärnten/Koroška kritischer mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen. Es ist an der Zeit, das eindimensionale und ideologisch hoch problematische “Geschichtsbild”, das Kärnten/Koroška von sich in der Öffentlichkeit zeigt, zurechtzurücken. Es ist an der Zeit, dass Kärntens historisch gewachsene Zweisprachigkeit endlich öffentlich sichtbarer wird.


[1] Heidemarie Uhl, Gedächtnisorte für die Opfer des NS-Regimes – Orte des Gedenkens, Orte der Reflexion über das Erinnern, inHistorische Sozialkunde 4 (2003) S. 4-8, hier S. 5.

[2] Siehe bspw. Marjan B. Sturm, Padlim za svobodo / Den Gefallenen für die Freiheit: Pomniki protifašističnega boja na Koroškem / Gedenkstätten des antifaschistischen Kampfes in Kärnten, Klagenfurt/Celovec 1987;

Lisa Rettl, PartisanInnendenkmäler – Antifaschistische Erinnerungskultur in Kärnten, Innsbruck 2006; Andrej Mohar, Otoki Spomina. Gedenkinseln, Klagenfurt/Celovec 2018, Linasi, Die Kärntner Partisanen

[3] Beispielsweise Andrea Lauritsch, Juden in Wolfsberg. Nationalsozialistische Judenverfolgung am Beispiel Wolfsbergs, Wolfsberg 2000 für Jüdinnen und Juden in Wolfsberg; das Überblickswerk über NS-Opfer von Wilhelm Baum/Peter Gstettner/Hans Haider/Vinzenz Jobst/Peter Pirker, Das Buch der Namen. Die Opfer des Nationalsozialismus in Kärnten, Klagenfurt/Wien 2010; Peter Pirker/Anita Profunser, Aus dem Gedächtnis in die Erinnerung. Die NS-Opfer im Oberen Drautal, Klagenfurt/Celovec 2012 für die Opfer im Oberen Drautal; Brigitte Entner, Wer war Klara aus Šentlipš/St. Philippen, Klagenfurt/Wien 2014.