Textausschnitt aus der deutschen Originalfassung von: Daniel Wutti & Nadja Danglmaier (2024): Commemorative Signs for Nazi Era Victims across Space and Time – DERLA Kärnten/Koroška. Treatises and Documents, Journal of Ethnic Studies / Razprave in gradivo, Revija za narodnostna vprašanja 92, 105–121. https://doi.org/10.2478/tdjes-2024-0006

In Kärnten/Koroška befindet sich in fast jeder Gemeinde ein Kriegerdenkmal, das zumeist die Erinnerung an die gefallenen Soldaten des Ersten und des Zweiten Weltkriegs sowie an den Kärntner Abwehrkampf miteinander verbindet. Diese Kriegerdenkmäler befinden sich fast immer an prominenter Stelle: auf dem Marktplatz, beim Gemeindeamt, in unmittelbarer Umgebung einer Kirche, in der Kirche selbst und sehr oft auch auf oder bei einem Friedhof. Da sie vielfach die einzigen Erinnerungszeichen vieler Gemeinden sind, prägen sie das (Orts-)Bild und gliedern durch ihren prominenten Aufstellungsort zugleich den (Erinnerungs-)Raum. An ihnen führt kein Weg vorbei, schreibt Kühnel (2022: 195). Der Erste und der Zweite Weltkrieg wurden im deutschnational geprägten Kärntner Gedächtnisdiskurs zu Daten, die vom Kärntner „Abwehrkampf“ Legitimation und Sinn bekamen und die durch den ideologischen Kitt von Heldentum und Heimattreue zusammengehalten werden. Peter Gstettner beschrieb diese bemerkenswerte Diskursverschränkung, indem er den Begriff der Kärntner „Erinnerungstroika“ prägte (Gstettner 2012: 105). Diese Situation im südlichen zweisprachigen Bundesland Kärnten/Koroška ist natürlich mit dem entsprechenden Diskurs in Gesamtösterreich verschränkt, wo lange Zeit zwei Narrative überwogen und sich gegenseitig verstärkten: Ein Narrativ betonte den Opferstatus Österreichs, das vom Dritten Reich okkupiert und zwangsweise angeschlossen worden sei; das zweite gedachte der „pflichterfüllenden“ Soldaten, die im „Kampf um ihr Vaterland“ ihr Leben ließen (Kühnel 2022: 199). Obwohl die „Opferthese“ und das darauf aufbauende Postulat der Pflichterfüllung schon seit den 1980er-Jahren an ihren eigenen Widersprüchen schrittweise ihre Legitimation einbüßten und von der geschichtswissenschaftlichen Forschung widerlegt wurden, dominiert in Kärnten/Koroška weiterhin eine Erinnerungskultur, die Österreich als Opfer der NS-Okkupation darstellt und unkritisch mit fragwürdigen Inhalten auf den omnipräsenten Kriegerdenkmälern und sonstigen Erinnerungszeichen an den Zweiten Weltkrieg umgeht (Kühnel 2022: 200). Kühnel geht sogar so weit, Kriegerdenkmäler als reines „Symbol für die Rehabilitierung der ehemaligen Wehrmachtssoldaten“ zu bezeichnen (Kühnel 2022: 201, mit Bezug auf Heidemarie Uhl: Vom Opfermythos zur Mitverantwortungsthese, S. 60). Dabei könnte es auch anders sein: „Würden sich die Gefallenendenkmäler kritisch mit der Rolle der Wehrmacht und ihrer Soldaten auseinandersetzen, könnten sie sogar eine Bereicherung im geschichtspolitischen Diskurs darstellen, doch perpetuieren sie in dieser Form lediglich ein Vergangenheitsnarrativ, das verharmlosend gegenüber den Opfern und exkulpierend gegenüber den Tätern wirkt“ (Kühnel 2022: 201).

Heidemarie Uhl zufolge lässt sich in österreichischen „Gedächtnislandschaften“ eine „Hierarchie der Erinnerungen“ erkennen: Denkmäler für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs sind zumeist im Zentrum von Städten und Dörfern präsent, das Gedenken an die Opfer von Widerstand und Verfolgung findet sich dagegen vielfach nur an den Rändern des öffentlichen Raums, an abgelegenen Tatorten der Verbrechen oder auf Friedhöfen (Uhl 2003: 5). Das trifft insbesondere auch auf das zweisprachige Kärnten/Koroška mit der Minderheit der Kärntner SlowenInnen zu. Die Präsenz dieser in vielfacher Weise widerständigen Minderheit brachte hier allerdings eine eigene Dynamik mit sich: So initiierte der Verband der Kärntner Partisanen/Zveza koroških partizanov in den 1970er-Jahren annähernd 40 Denkmäler zur Erinnerung an die Opfer des PartisanInnenkampfes, größtenteils auf Südkärntner Friedhöfen. Diese wurden in den letzten Jahrzehnten in mehreren Publikationen detailliert beschrieben (vgl. Sturm 1987; Rettl 2006; Linasi 2010; Mohar 2018). Nach dieser „Erinnerungsoffensive“ des Verbands der Kärntner Partisanen/Zveza koroških partizanov dauerte es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bis in die 2010er-Jahre, bis verschiedene Organisationen der Volksgruppe erneut Erinnerungszeichen für „ihre“ Opfergruppe errichteten – in einer Zeit, in der auch anderen Opfergruppen in Kärnten/Koroška (spät, aber doch) zunehmend öffentlicher Gedenkraum zugestanden wurde. Die Hierarchie der Erinnerungen hinsichtlich der Präsenz von Gefallenen- und Abwehrkämpferdenkmälern im Vergleich zu Erinnerungszeichen für NS-Opfer bleibt in Kärnten/Koroška dennoch deutlich. Auch die konkreten Lebensgeschichten der NS-Opfer wurden jahrzehntelang in den Hintergrund gedrängt; ihre Erinnerungen und Erzählungen wurden nur im privaten Bereich gehört, in der Öffentlichkeit fanden sie kein Gehör. Die Geschichten der Opfer waren nicht mit dem Narrativ der Mehrheitsgesellschaft vereinbar, Österreich sei Opfer eines nationalsozialistischen Überfalls gewesen und habe kollektiv Widerstand geleistet. So blieben die Biografien der Opfer des Nationalsozialismus jahrzehntelang außerhalb der Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft in Kärnten/Koroška; erst in den letzten 25 Jahren wurden ihnen Publikationen gewidmet. Diese thematisieren die NS-Geschichte unterschiedlicher Regionen und Opfergruppen (etwa Lauritsch 2000 zu Jüdinnen und Juden in Wolfsberg; Baum et al. 2010; Pirker & Profunser 2012 zu den Opfern im Oberen Drautal; Entner 2014) und verschafften den leidvollen Erfahrungen der NS-Opfer damit langsam öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Es ist an der Zeit, dass wir uns in Kärnten/Koroška kritischer mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen. Es ist an der Zeit, das eindimensionale und ideologisch hoch problematische „Geschichtsbild“, das Kärnten/Koroška von sich in der Öffentlichkeit zeigt, zurechtzurücken. Es ist an der Zeit, dass Kärntens historisch gewachsene Zweisprachigkeit endlich öffentlich sichtbarer wird.

Literatur

Baum, W., Gstettner, P., Haider, H., Jobst, V. & Pirker, P., 2010. Das Buch der Namen. Die Opfer des Nationalsozialismus in Kärnten. Kitab, Klagenfurt/Wien.

Entner, B., 2014. Wer war Klara aus Šentlipš/St. Philippen. Kärntner Slowenen und Sloweninnen als Opfer der NS-Verfolgung. Drava, Klagenfurt/Celovec.

Gstettner, P., 2012. Erinnern an das Vergessen: Gedenkstättenpädagogik und Bildungspolitik. Kitab, Klagenfurt/Celovec.

Kühnel, F., 2022. Memento Mori. Ethnisch-sprachliche Aspekte der (Süd-)Kärntner Erinnerungskultur. Zgodovinski časopis. Historical Review 76, 184–219.

Lauritsch, A., 2000. Juden in Wolfsberg. Nationalsozialistische Judenverfolgung am Beispiel Wolfsbergs. Kulturamt der Stadtgemeinde Wolfsberg, Wolfsberg.

Linasi, M., 2010. Koroški partizani. Protinacistični odpor na dvojezičnem Koroškem v okviru slovenske Osvobodilne fronte. Mohorjeva/Hermagoras, Klagenfurt/Celovec.

Mohar, A., 2018. Otoki spomina – Gedenkinseln. Drava, Klagenfurt/Celovec.

Pirker, P. & Profunser, A., 2012. Aus dem Gedächtnis in die Erinnerung. Die NS-Opfer im Oberen Drautal. Drava, Klagenfurt/Celovec.

Rettl, L., 2006. PartisanInnendenkmäler – Antifaschistische Erinnerungskultur in Kärnten. Studienverlag, Innsbruck.

Sturm, M., 1987. Padlim za svobodo / Den Gefallenen für die Freiheit: Pomniki protifašističnega boja na Koroškem / Gedenkstätten des antifaschistischen Kampfes in Kärnten. Drava, Klagenfurt/Celovec.

Uhl, H., 2003. Gedächtnisorte für die Opfer des NS-Regimes – Orte des Gedenkens, Orte der Reflexion über das Erinnern. Historische Sozialkunde 4, 4–7.

Wutti, D. & Danglmaier, N., 2024. Commemorative Signs for Nazi Era Victims across Space and Time – DERLA Kärnten/Koroška. Treatises and Documents, Journal of Ethnic Studies 92, 105–121. https://doi.org/10.2478/tdjes-2024-0006